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News - WJD

09.04.2018 - Gastkommentar von Kristine Lütke im Magazin Capital

Gastkommentar von Kristine Lütke auf capital.de: Die Junge Wirtschaft fordert Bürokratieabbau für Gründer, eine digitale Bildungsoffensive und eine grundlegende Reform des Arbeitsrechts

In einem Gastbeitrag bei capital.de fordert Kristine Lütke, Bundesvorsitzende der Wirtschaftsjunioren Deutschland (WJD), die Voraussetzungen für das erfolgreiche Wirtschaften in der digitalen Zukunft zu schaffen.

"Als Dorothee Bär in einem ihrer Antrittsinterviews von Flugtaxis schwärmte, ging das Netz hart mit der neuen Staatsministerin für Digitalisierung ins Gericht. Sicher, wenn sich der Datenstrom durch altertümliche Kupferkabel quält und in Schulen noch Kreide statt Cloud angesagt ist, klingt das Flugtaxi nach ferner Zukunft.

Andererseits: Innovationszyklen sind heute kurz. Wer hätte Mark Zuckerberg 2004 geglaubt, dass er zwei Milliarden Nutzer auf seiner Plattform vereint? Und wem hätte Mark Zuckerberg noch vor ein paar Jahren geglaubt, dass Facebook die digitale Heimat der Alten sein wird?

 

Unser Wohlstand muss neu errungen werden

Wir brauchen digitale Visionen. Nur so können wir die führende Rolle der deutschen Wirtschaft auch in Zukunft verteidigen. Der neue Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier trifft es in seiner Regierungserklärung auf den Punkt: 'Nichts ist automatisch und dauerhaft gesichert oder selbstverständlich. Alles muss errungen werden.'

Unser Wohlstand kann schon in wenigen Jahren verspielt sein, wenn wir heute nicht die Voraussetzungen für das erfolgreiche Wirtschaften in der digitalen Zukunft schaffen. Die Aufgabenteilung muss so aussehen: Wir Unternehmer kümmern uns um Innovationen und Wertschöpfung, die Politik kümmert sich um ordentliche Rahmenbedingungen. Aus Sicht der jungen Wirtschaft muss die neue Regierung vor allem bei drei Themen liefern: Bürokratieabbau für Gründer, eine digitale Bildungsoffensive und eine grundlegende Reform des Arbeitsrechts.

Behördengänge reduzieren

Warum dauert es in Deutschland immer noch elf Tage, ein Unternehmen zu gründen, und in Kanada oder Hong Kong nur zwei? Wie lange reden wir eigentlich schon über einheitliche Ansprechpartner in der Verwaltung? Warum ist es 2018 immer noch nicht möglich, alle Behördengänge von der Antragstellung bis hin zum Empfang von Bescheiden elektronisch abzuwickeln?

Gerade Jungunternehmer stehen unter enormen Druck und möchten ihre Aufmerksamkeit dem Geschäftsbetrieb widmen und sich nicht ihre Füße in den Amtsstuben vertreten. Wir brauchen endlich One-Stop-Shops, in denen Gründungswillige alle Informationen aus einer Hand bekommen, und mehr E-Government in Deutschland.

Digitale Bildungsoffensive

Die zweite Baustelle ist die digitale Bildungsoffensive. Unser derzeitiges Bildungssystem hält den Anforderungen des digitalen Zeitalters nicht stand. Die geplanten Investitionen der neuen Bundesregierung in einen 'Digitalpakt Schule' sind deshalb der richtige Schritt.

Digitale Lernumgebungen in Schulen helfen uns aber nicht, wenn Schulorganisation und Lehrerpersonal weder Fähigkeiten noch Freiräume haben, um sie zu nutzen. Es geht nicht nur um technischen, sondern auch um einen kulturellen Wandel. Wie sollen Lehrer etwas vermitteln, das sie selbst nicht kennen? Das macht sich auch bei der Berufsorientierung bemerkbar. Oftmals erschöpft sich die Berufsberatung in Schulen auf altbekannte Ausbildungswege. Neue zukunftsträchtige Berufsbilder wie Data Scientist, Kaufmann im E-Commerce oder Cloud Architect kommen dort nicht vor.

Flexibles Arbeiten ohne Gesetzesbruch

Obwohl sich die Wirtschaft radikal verändert, immer mehr Menschen mobil und weltweit vernetzt arbeiten, atmet unser Arbeitsrecht noch den Geist der Industriegesellschaft. Das Arbeitsschutzgesetz legt starre Höchstarbeitszeiten und feste Ruhezeiten fest. Laut Arbeitsstättenverordnung müsste der Arbeitgeber eigentlich jeden Home-Office-Arbeitsplatz auf mögliche Gefahren hin inspizieren.

Was wäre wohl geschehen, wenn Steve Jobs in seiner berühmten Garage jeden Tag um 17 Uhr das Licht hätte ausknipsen müssen, weil die tägliche Höchstarbeitszeit erreicht ist? Ob dort die Lichtbedingungen wohl gestimmt haben?

Natürlich hinkt der Vergleich, doch verdeutlicht er das Paradox. Tagtäglich wird in Deutschland tausendfach das Arbeitszeitgesetz gebrochen – und zwar nicht, weil Unternehmer ihre Mitarbeiter ausbeuten. Sondern, weil die Pendlerin lieber vier Tage lang Stunden schrubbt, um bereits am Donnerstag nach Hause zu fahren. Oder weil der junge Vater den Nachmittag mit seinen Kindern verbringen möchte und sich abends noch einmal einloggt.

Unser Arbeitsrecht braucht dringend ein System-Update. Wir müssen aufhören, nur über die Digitalisierung zu reden, sondern endlich auf 'Go-live' umschalten. Neben einer Vision für den digitalen Fortschritt braucht es dabei auch eine gehörige Portion an Pragmatismus und Mut zum Ausprobieren. Ein Schlüssel des Erfolgs wird in der Verknüpfung von Start-ups und dem Mittelstand liegen.

Vielleicht braucht es für die Gewerbeanmeldung zukünftig nur ein paar Klicks. Vielleicht funktioniert das Handelsregister zukünftig auf Basis der Blockchain. Vielleicht bringt uns in zehn Jahren ein Flugtaxi zum Kundentermin. Alles ist möglich, wenn wir jetzt die Voraussetzungen für das erfolgreiche Wirtschaften in der digitalen Zukunft schaffen."

Quelle: https://www.capital.de/wirtschaft-politik/wir-brauchen-digitale-visionen

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